Navigieren in Frauenfeld

Velo-Gärtner

Wenn der Gärtner Manü Häni zum Heckenschneiden anrückt, bleibt es still im Garten. Kein nerviges Gedöns einer benzinbetriebenen Heckenschere, die alle Vögel im Umkreis von 100 Metern vertreibt und auch nach Stunden noch ein unangenehmes Surren im Ohr zurücklässt. Nein, neben dem Zwitschern der Vögel hört man nur das leise, rhythmische «klack» «klack» «klack» einer Handheckenschere.

Mit dieser schneidet Manü sorgfältig die oberen Triebe zurück. So behält die Hecke ihre natürliche Form und der Mikrokosmos der Pflanze, der sich mit den Jahren selbst gebildet hat, bleibt unversehrt. Schon in der Lehre hinterfragt Manü vieles, das als gängige Praxis gilt.

Ein Gärtner geht neue Wege

Nach der Gärtner-Lehre bleibt Manü ein Jahr auf dem Beruf. Danach hilft er noch einigen Kollegen aus, arbeitet aber vermehrt in der Gastronomie. Mehr und mehr verliert er die Sinnhaftigkeit der Gärtnertätigkeit aus den Augen. Er steigt schliesslich ganz aus dem Beruf aus und jobbt an verschiedenen Orten. Mit der Zeit fehlt ihm jedoch der tägliche Kontakt zur Natur. Aber so arbeiten, wie früher, das will er nicht mehr. Also gründet Manü sein eigenes Unternehmen, setzt auf Nachhaltigkeit und kommt fortan als Velo-Gärtner zu seiner Kundschaft.
Nur bei Starkregen kommt Manü nicht. «Ich bin ein Schönwetter-Gärtner», lacht er. Er sei zu oft sinnlos bei Regen im Garten herumgestanden und habe wertvollen Humus zertrampelt. Für ihn ist dieser Entscheid Bestandteil der Sorgfalt, die er im Umgang mit Pflanzen und Tieren, aber auch mit sich selbst pflegt.

So wenig wie möglich, so viel wie nötig

Mit seiner Arbeit möchte Häni das natürliche Wachstum der Pflanzen fördern, ohne dass der Mensch viel eingreifen muss. Dabei bewegt er sich auf einem schmalen Grat. Viele Gartenbesitzer haben anfangs Mühe, wenn es etwas verwildert aussieht. «Das ist noch in vielen Köpfen drin, dass wir uns die Natur untertan machen müssen. Sie in die Schranken weisen, damit der Mensch darin Platz hat». Dabei benötige ein grüner Rasen sehr viel mehr Arbeit mit mähen, vertikutieren, düngen und wässern als eine Wildhecke oder Blumenwiese, die obendrauf noch Lebensraum sind für Tiere und Mikroorganismen. Manü greift nur sehr gezielt ein, ganz nach dem Kredo «so wenig wie möglich, so viel wie nötig». So können sich die Pflanzen in ihrer natürlichen Form entfalten.

Raum für Kreativität

Dass er als Velogärtner nach getaner Arbeit das Material nicht abtransportiert, mag im ersten Moment erstaunen. Aber darin liegt für Manü die Kreativität seiner Arbeit. Er überlegt, wo das Material, das quasi Abfall ist, wieder Lebensraum im Garten schaffen kann und nur in den seltensten Fällen lässt sich dafür kein Plätzchen finden. So entstehen Asthaufen für Blindschleichen, Schnecken und Spinnen und schaffen eine einzigartige Zusammensetzung von Lebewesen. Auch diese Haufen generieren mit den Jahren Humus, den er wieder verwenden kann. «Mit dem Lieferwagen ist es so schnell passiert, dass einfach alles  abgeführt wird. Aber jede Schaufel Humus im Garten ist wertvoll», ist der Gärtner überzeugt. Schnur oder Pfähle holt er nicht einfach schnell beim Discounter, sondern er schaut sich zuerst im Garten um, was an geeignetem Material vorhanden ist oder fragt bei der Kundschaft nach. Überhaupt verwendet Manü vorwiegend Materialien aus der Natur. Arbeitsgeräte kauft er wenig, dafür aus solidem Material. Am liebsten bei lokalen Fachgeschäften, aber diese sind in den letzten Jahren immer mehr verschwunden.

Auf Altbewährtes setzen

Wenn er am Strassenrand mit der nach wie vor exzellenten Handheckenschere seines Grossvaters eine Hecke pflegt, wird er oft belächelt. Insbesondere von Gärtner-Kollegen. Doch Manü sagt: «Ich bin stolz auf meine Arbeit.» Ausserdem ist er sich sicher, dass seine Arbeitsweise nicht viel mehr Zeit benötigt, als die herkömmliche. Bis Kabelrollen ausgelegt, Maschinen getankt oder Akkus gewechselt sind, macht es bei Manü schon längst «klack» «klack» «klack».

Gut vernetzt ist halb gewonnen

Das Teilen von Fähigkeiten ist Manü wichtig. Er bietet Hobbygärtnerinnen und -Gärtnern, die mit ihrem Gartenlatein am Ende sind, Gartenbegehungen an. Dabei macht er mit ihnen einen Rundgang durch den Garten, analysiert und macht Vorschläge für Veränderungen und Optimierungen. Bei lokalen Gärtnereien sucht er dann nach den am besten geeigneten Pflanzen. Diese holt er mit seinem VW-Bus ab. Das ist auch die einzige Ausnahme, wo in Manüs Unternehmen Maschinen zum Einsatz kommen. Wenn Bagger oder grösseres benötigt wird, gibt er diese Arbeiten an andere weiter. «Es gibt so viele Gärtner, die im Bau routinierter sind als ich und bei denen diese Maschinen eh im Magazin stehen.»

Hochsaison im Winter

Die meisten Aufträge hat der Velo-Gärtner aber nicht etwa – wie man annehmen könnte – im Frühling, sondern im Winter. Dann ist es oberhalb der Erde zu kalt zum Wachsen und viele Pflanzen suchen sich mit ihren Wurzeln einen Weg durchs Erdreich. Das ist auch die Hauptsaison für den Rückschnitt von Bäumen und Sträuchern. «Es gibt viele natürliche Prozesse, die mir mit dem naturnahen Arbeiten wieder ganz neu bewusst geworden sind», erklärt Manü und ergänzt: «Es ist ein Glück, Menschen zu finden, die das Arbeiten so noch und wieder zulassen.»

Wer seinem Garten und den Lebewesen darin etwas Gutes tun möchte, kann sich also vertrauensvoll an Manü wenden. Und wenn er gerade mal nicht zu sehen sein sollte, dann kann es gut sein, dass er irgendwo im Buschwerk rumwuselt, zwischen Dornen, Bienen und Blüten, wo er voller Ehrfurcht das Mikroklima der Pflanzen bestaunt und sich freut über alles, was da gewachsen ist.