Vegan und trotzdem satt – im Gespräch mit Caroline
Heute treffe ich mich mit Caroline. Sie ist 46 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Liechtenstein und wohnt seit 16 Jahren in der Schweiz. Ihr letztes Stück richtiges Fleisch war ein Big Mac. Darüber muss sie selbst ein wenig lachen. Wie sie im Alltag vegan unterwegs ist und was sie bewegt, erzählt sie uns im Interview.
Menschen, die sich vegan ernähren, verzichten auf Lebensmittel aus tierischen Quellen. Obwohl sie heute weit verbreitet ist, wird diese Ernährungsweise noch immer kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite stehen das Tierwohl, der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen und nachhaltige und ökologische Aspekte und auf der anderen die Mangelernährung oder Unterversorgung von Vitaminen wie beispielsweise B12. Heute treffe ich mich mit Caroline. Sie ist 46 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Liechtenstein und wohnt seit 16 Jahren in der Schweiz. Ihr letztes Stück richtiges Fleisch war ein Big Mac. Darüber muss sie selbst ein wenig lachen. Wie sie im Alltag vegan unterwegs ist und was sie bewegt, erzählt sie uns im Interview.
Caroline, Seit wann ernährst du dich vegan?
Seit dem 1. März 2013.
Du hast wahnsinnig gerne Fleisch gegessen. Was gab den Ausschlag für diese radikale Ernährungsumstellung?
Heute stehen für mich ethische und ökologische Aspekte im Vordergrund. Ich will für einen kurzen Genuss auf dem Teller kein Tier auf dem Gewissen haben. Damals aber gaben gesundheitliche Gründe den Ausschlag für die Umstellung. Ich leide an Neurodermitis und wollte wissen, ob ich mit einer veganen Ernährung die Symptome lindern kann.
Hattest du Erfolg?
Ja, es hat viel bewirkt. Aber natürlich geht diese Krankheit nicht einfach so weg.
Welche Herausforderungen hast du auf deinem Weg zur veganen Ernährung überwinden müssen?
Am Anfang war es noch nicht so modern, sich vegan zu ernähren. Das machte es oft schwierig, etwas «Gluschdiges» zu finden.
Als grösste Herausforderung empfinde ich aber nach wie vor das Umfeld. Es gibt noch immer viele Leute, die über diese Ernährungsweise Witze machen. Das ist unnötig und schade. Aber es haben sich auch schon viele gute Gespräche daraus ergeben.
Was hat dir geholfen, nicht rückfällig zu werden?
Zu Beginn konnte ich mir nicht einfach etwas kaufen beim Vorübergehen, weil das Angebot noch zu wenig vorhanden war. Da war die Versuchung gross, zum Bewährten zu greifen. Aber ich sagte mir immer: «Ich verhungere jetzt nicht, wenn ich nicht sofort was esse». Es hat mir auch geholfen zu wissen, dass ich kann und darf. Es ist falsch, wenn die Leute sagen, «du darfst das ja nicht essen». Doch ich darf, aber ich möchte nicht.
Machst du Ausnahmen?
Am Anfang schon. Im ersten Jahr war ich in Norwegen. Da haben wir geangelt und den Fisch selbst ausgenommen und gegessen. Oder Bekannte haben uns auch schon ein selbst erlegtes Tier serviert. Da habe ich gemerkt, dass das nicht funktioniert für mich. Ich will es ganz oder gar nicht machen. Nach dieser Entscheidung liess ich auch schon mal die Rahmsuppe bei meinen Elternstehen.
Aus was bestehen deine Mahlzeiten typischerweise?
Zum Frühstück gibt es oft Müesli mit Hafer- oder Sojamilch. Sonst mag ich Sojamilch nicht so – ausser, um Mayonnaise zu machen. Am Wochenende gibt es auch mal ein Rühr-Tofu. Dafür verwende ich Kala Namak, ein leicht schwefelhaltiges Gewürz, das nach Eiern schmeckt. Für die gelbliche Farbe nehme ich Kurkuma. Mit ein bisschen Schnittlauch schmeckt das sehr lecker.
Fürs Mittagessen koche ich vielseitig: Spaghetti, Lasagne, Gemüse, verschiedene Currys, Eintöpfe mit Hülsenfrüchte etc. Für die Saucen verwende ich unter anderem Mandelmus. Damit lassen sich leckere Rahmsaucen zaubern.. Auch für die Salatsauce verwende ich Mandelmus, damit sie cremiger wird. Eingeweichte Cashewnüsse eignen sich ebenfalls sehr gut für eine cremige Konsistenz, ob süss oder salzig. Auch aufs Überbacken muss ich nicht verzichten. Mit Hefeflocken zum Beispiel gibt es eine sehr gute und knusprige Kruste.
Man hört ja immer, dass es bei veganer Ernährung zu Mangelerscheinungen kommen kann. Hast du das auch schon erlebt?
Als ich anfing vegan zu leben, war meine Familie sehr skeptisch. Sie hielten mir oft Vorträge wegen Mangelerscheinungen. Also liess ich nach 4 Monaten ein Blutbild machen. Der Vitamin B12-Wert war tatsächlich extrem tief. Aber der Arzt sagte mir, dass vier Monate keinen grossen Unterschied machen und das nichts mit der veganen Ernährung zu tun hat. Ich konnte also auch mit einer normalen Ernährung kein B12 aufnehmen. Deshalb benutze ich eine Zahnpasta mit B12-Inhaltsstoffen, weil das direkt über die Schleimhäute aufgenommen wird. Ich lasse das Blutbild im Schnitt alle zwei Jahre überprüfen. Die Werte sind ausgezeichnet..
Sind Restaurant-Besuche anstrengend?
Für mich nicht (lacht). Nein, ich rufe jeweils vorher an und kündige mich als vegan an oder bestelle schon etwas voraus. Meistens sind sie froh, wenn man anruft. Aber in den elf Jahren hat sich mega viel getan. Nur noch selten hat jemand gar nichts im Angebot. Und Pommes oder Salat mit Essig und Oel ist ja auch vegan und immer lecker!
Gibt es in unserer Stadt besondere Läden, wo du häufig vegane Lebensmittel einkaufst?
Mein Lieblingsgeschäft in Frauenfeld ist diesbezüglich die Drogerie Haas. Sie führt einen Kühlschrank mit veganen Lebensmitteln und manchmal gibt es dort auch vegane Schoggigipfeli. Ausserdem mag ich die Füllstation, wo es sogar veganes Putzmittel gibt. Aber auch ich gehe in die Migros, den Coop, Aldi oder Lidl zum Einkaufen, denn auch dort gibt es vegane Lebensmittel. Und in der Freiestrasse hat letzten Sommer ein veganes Reformhaus geöffnet «Eva´s Apples Reformhaus». Da es ist natürlich ein Leichtes einkaufen zu gehen.
Übrigens, der beste Monat zum Einkaufen ist für mich natürlich der Veganuary! Ich ernähre mich wenig von Ersatzprodukten, ausser bei Grilladen. Sonst bereite ich meine Mahlzeiten lieber selbst zu.
Wie integrierst du Nachhaltigkeit in anderen Bereichen deines Lebens, abgesehen von der Ernährung?
Ein nachhaltiger Lebensstil ist mir sehr wichtig. Zum Beispiel habe ich immer eine Trinkflasche dabei, damit ich keine Plastik-Flaschen kaufen muss. Ich habe ein Fairphone, das so fair wie möglich hergestellt wurde. Im Alltag bin ich mit dem Velo oder dem ÖV unterwegs. Ich kaufe vegane und faire Mode ein und achte darauf, dass ich nicht zu viel einkaufe. Ausserdem kaufe ich saisonale und regionale Produkte in Bio- oder Demeter-Qualität. Und die eigene Stofftasche für Einkäufe oder sonstiges trage ich seit über 20 Jahren mit mir mit.
Wem würdest du eine vegane Ernährung empfehlen?
Allen, die Lust darauf haben. Ich denke, das muss jeder Mensch mit sich selbst ausmachen. Aber wenn es ums Tierwohl geht, dann würde ich sagen: «allen»! :)
Welche Tipps hast du für Menschen, die gerade erst anfangen, sich vegan zu ernähren?
Sich keinen Stress machen. Sich gut vorbereiten und in die Thematik einlesen, auch bezüglich der Nährstoffe. Ausserdem sollte nicht nur auf Ersatzprodukte gesetzt werden. Diese sind sicher teilweise okay, aber Gemüse, Hülsenfrüchte, Tofu usw. sind auf jeden Fall nährstoffreicher.
Was sind deine langfristigen Ziele in Bezug auf einen nachhaltigen Lebensstil und wie denkst du, kann unsere Stadt dabei unterstützen?
Ich möchte Plastikmüll vermeiden. Oder generell Verpackungen. Dafür wären mehr Unverpackt-Läden hilfreich oder eine Veränderung des eigenen Handelns und Tuns.
Die Stadt könnte mit gutem Beispiel vorangehen.
Ausserdem müsste es niederschwelliger sein, damit die Leute umstellen. Gerade was den Verbrauch von Einweggeschirr betrifft. Dafür sind Information und Unterstützung wichtig.
Caroline, ich danke dir für das inspirierende Gespräch.
(Das Interview führte Maja Rahm)
Nach dem Interview fällt mir auf: Die vegane Lebensweise bedeutet nicht nur Verzicht, sondern auch Bereicherung und Horizont-Erweiterung. Und irgendwie scheint sie ein gutes Gefühl zu vermitteln, das ich mir für meinen Alltag ebenfalls wünschte.
Welche Erfahrungen hast du mit veganer Ernährung gemacht? Oder möchtest du etwas zu deinem Lebensstil teilen, das andere Leserinnen und Leser inspirieren könnte? Dann lass es und wissen: E-mail.