Materialschätze statt Müll: OFFCUT
In der Stadtkaserne Frauenfeld gibt es einen Laden, der mit seinem Angebot der heutigen Wegwerf-Mentalität entgegenwirken will. Stoffe, Wolle, Garn, Schnüre, Nägel, Pinsel – mit und ohne Borsten, Behälter, Plexiglas, Knöpfe, Papier, ja sogar Patronenhülsen – das alles und vieles mehr bietet der OFFCUT-Laden zum Kauf an.
Der Raum ist alt und voll mit Verbrauchsmaterial. Verschiedene Regale reichen vom Boden bis zur Decke, sind mit Schachteln, Dosen, Schubladen oder Haken bestückt, wo die unterschiedlichsten Dinge aufbewahrt werden. Ich stehe im OFFCUT-Laden von Claudia Hürlimann und ihrem Team in Frauenfeld.
OFFCUT – der Materialmarkt
Was aber ist OFFCUT? Bei OFFCUT werden Rest- und Verbrauchsmaterialien von Privatpersonen oder Firmen und Institutionen angeboten. Diese Materialien werden verkauft, damit sie für kreative oder handwerkliche Projekte wiederverwendet werden können. So gelangen sie erneut in den Wirtschaftskreislauf. Damit leistet OFFCUT einen wertvollen Beitrag zur Nachhaltigkeit. Die Geschäftsführerin Claudia Hürlimann erfuhr durch einen Bericht im Magazin «manuell» – einer Zeitschrift für Bildung und Gestaltung – von OFFCUT. Damals gab es erst in Basel und Bern einen Laden. Als auch ein Geschäft in St. Gallen eröffnet wurde, war Hürlimann erfreut und bald zu Besuch. Dort wurde sie vom OFFCUT-Virus infiziert: «Ich war begeistert und dachte, so etwas braucht der Thurgau auch!» In den darauffolgenden Monaten hat sie die Idee nicht losgelassen, und sie begann ab Februar 2024 fleissig ein grosses Team an Gleichgesinnten aufzubauen. Wirklich durchstarten konnte das Projekt, als schliesslich ein Raum in der Stadtkaserne für den OFFCUT gesprochen wurde. «Natürlich haben wir sofort zugesagt – auch wenn der Raum kleiner ist, als wir uns das gewünscht hätten.» Dafür sind die Kosten geringer, was klar ein Vorteil ist. OFFCUT ist schweizweit als Genossenschaft organisiert. Dennoch ist jeder Standort finanziell eigenständig und es ist das Ziel, dass der Laden weitgehend selbsttragend wird.
Angebote im OFFCUT Frauenfeld
Die finanziellen Mittel sollen aber nicht nur durch Verkäufe oder Beiträge von Stiftungen beschafft werden. Auch mit einem Angebot an Aktivitäten möchte sich das OFFCUT-Team in Frauenfeld ein Standbein schaffen. Einige Werkateliers haben bereits stattgefunden, und weitere sollen folgen. Auch pädagogisch ausgerichtete Workshops für Schulen gibt es. Dieser Bereich wird in den nächsten Monaten noch weiter ausgebaut werden.
Seit Sommer 2025 findet zudem das Repair cafe light textil zeitgleich mit dem Angebot in der Werkstatt vom CO-LABOR Frauenfeld statt. Damit inspiriert OFFCUT zu einem nachhaltigeren Lebensstil, und verlängert die Lebensdauer von Textilien.
OFFCUT nimmt Materialspenden entgegen
Wer Materialspenden hat – zum Beispiel gut erhaltene Fabrikationsabfälle – meldet sich bei OFFCUT. Das Material wird dann entweder selbst vorbeigebracht oder von jemandem aus dem Team abgeholt. Maximal 3 bis 4 Bananenschachteln dürfen ohne Voranmeldung während den Öffnungszeiten im Laden abgegeben werden. Dann wird das Material auf seine Qualität überprüft und sortiert. Es gibt verschiedene Kategorien, in die der Laden aufgeteilt ist: «Werkerie», «Diverserie», «Textilerie», « Papeterie» und «Gestalterie». Dementsprechend werden auch die Materialien unterteilt. Dann folgt der schwierigste Teil: Die Definition des Verkaufspreises. Die Geschäftsleiterin dazu: «Als Referenz gibt es eine Preisliste. Die Idee ist, dass wir den Preis bei ca. 50% vom üblichen Ladenpreis ansetzen.» Dabei orientieren sich die Preise nach Schweizer Qualität. «Wegen der sehr unterschiedlichen Qualität der Materialien und auch wegen der unterschiedlichen Materialkenntnisse der Mitwirkenden ist die Preisbestimmung nicht immer einfach. Deshalb muss man bei den Preisen auch ein bisschen nachsichtig sein mit uns», sagt Hürlimann mit einem Augenzwinkern.
Das OFFCUT-Team in Frauenfeld
Das Team, das sich für den OFFCUT-Laden in Frauenfeld engagiert, ist bunt gemischt: Von alt bis jung, pensioniert bis Oberstufen-Schülerin, arbeiten insgesamt 38 Personen ehrenamtlich für OFFCUT. Nur die Leitung bezieht aktuell einen kleinen Obolus.
So vielfältig das Alter der Mitarbeitenden, so ist es das auch bei den Privatpersonen, die Material spenden. Oft gilt «die Alten bringen, die Jungen holen», sagt Hürlimann und schmunzelt. Viele ältere Menschen, die ihre Wohnfläche verkleinern, hätten es dank OFFCUT einfacher, sich von etwas zu trennen. Ausserdem würden sie noch den Wert des Materials kennen, aus einer Zeit, wo es noch kein Temu gab, und es sei ihnen wichtig, dass ihre wertvollen Materialien weiterleben können.
Wieso braucht Frauenfeld einen OFFCUT?
Wer denkt, in Frauenfeld und Umgebung gibt es schon genug Brockenhäuser, muss eines Besseren belehrt werden. Denn bei OFFCUT gibt es fast ausschliesslich Verbrauchsmaterial und nicht Gebrauchsgegenstände. Anstatt mühsam die Brockenhäuser abzuklappern, um günstiges Bastelmaterial zu ergattern, reicht ein Besuch bei OFFCUT, wo (fast) alles in rauen Mengen vorhanden ist. Eltern mit Kindern, junge Erwachsene, kreative Tüftler, Kunstschaffende und Lehrpersonen – sie alle finden hier Material. Und das erst noch lokal, nachhaltig und preislich attraktiv. «Es gibt nichts vergleichbares», ist die Geschäftsleiterin überzeugt.
Claudia Hürlimann schaut sich in dem vollgepackten – aber ordentlichen – Raum um. Für sie ist die Antwort auf die ketzerische Frage, wieso Frauenfeld einen OFFCUT braucht, klar: «Weil es offensichtlich sooo viel Material gibt, das gerettet und wieder benutzt werden kann.» Dabei lacht sie verschmitzt. Sie ist stolz auf ihr «Baby», das in der Stadtkaserne Frauenfeld einen Raum gefunden hat. Und das spürt man. Die Atmosphäre ist inspirierend, regt die Kreativität an und führt zum Austausch miteinander. Dafür sorgen auch die zahlreichen Kuriositäten, die im Laden zu finden sind. Immer wieder hört man ein Kichern, die Frage «wofür ist das?» oder ein «das kann ich brauchen». Die Freude, dass etwas Rares oder Nützliches gefunden wurde, muss einfach geteilt werden.
Neugierig geworden? Dann schau doch mal rein! Claudia Hürlimann und ihre Mitarbeitenden freuen sich auf deinen Besuch!